Von Affenliebe und Krokodilstränen
 

Wieder zurück an der Station waren wir schweißgebadet und um einige Moskitostiche reicher, doch es war ein bleibendes Erlebnis!

David zeigte uns, wie er gerade an Lones Blutproben herausfinden möchte, welches Antibiotika auf ihre Infektion anschlagen würde und setzte Kulturen an. Hier brauchte er jedoch Freiwillige, da er verschiedene Test mit verschiedenen Blutproben machen musste.
Helmut wurde schnell unfreiwillig ausgewählt und auch Doris wurde zur Ader für den guten Zweck gelassen – beide spendeten jeweils 100ml Blut. Ein Brötchen gab es danach zwar nicht, dafür ein Glas Wasser! ;)

Den Nachmittag nutzten wir mit einer Bootsfahrt zu den Katja Islands. In Zweier-"Kajaks" schipperten wir um die Insel und konnten immer wieder pure wildlife hautnah miterleben. Nashornvögel flogen über uns hinweg, Makaken sprangen von einem Baum zum anderen und hin und wieder saß ein Orang genüsslich am Wasser und beobachtete uns. Einige Bäume wurzeln im Wasser, im Fluß spiegelt sich der Regenwald. Meine Blase war schon von Anfang an sehr gefüllt...

An einer Futterstation sahen wir ihn: Zorro.
Der Patriarch von Katja Island und sehr interessiert an so viel Damenbesuch. Stolz zeigte er uns seine Armspannweite und versuchte, sich über die Bäume hangelnd in ein Boot zu schwingen. So ein Orang kann dann doch verdammt schnell werden! Wir jedenfalls waren schneller und durften noch viele weitere Orangs bei ihren Vorbereitungen zur richtigen Auswilderung beobachten. Meine Blase hatte mittlerweile den obersten Füllstand erreicht und das Rattern des Motors machte die Situation nicht einfacher.

Was war ich froh, wieder an Land zu sein!

Auf dem Rückweg machten wir einen Zwischenstop an der Baby-Station, nahe Lones Haus. Nur ein paar Schritte und wir sahen das wohl unvergeßlichste Orang-Pärchen, eng umschlungen, beide sehr zart und zerbrechlich, blickten sie durch die Sonnenstrahlen uns mit weit aufgerissenen Augen entgegen. Die meisten winzigen Orangs drängten sich immer näher an ihre Babysitter, denn so viele blonde Riesen aus Europa waren doch sehr furchteinflössend für die Kleinen, die erst vor kurzem ihre Mutter verloren haben. Die Babysitter gaben ihnen Sicherheit und schnell entspannte sich die Situation.

Hier lernten wir Peanut kennen, unseren Paten-Orang. Ganz winzig und zerbrechlich, kaum behaart, erschienen seine Augen viel zu groß für den kleinen Kopf. Er war sehr zurückhaltend und scheu – es wird noch lange dauern, bis er sein Trauma verarbeitet hat.

»Legenden und Geschichten berichten seit Jahrhunderten, wissenschaftlich erforscht werden sie erst seit einigen Jahrzehnten – Affen, auch Primaten genannt. Aber während wir noch von ihnen hören, sind sie von der Ausrottung bedroht.«
– Jane Goodall, Primatologin –

Wesentlich vergnügter hingegen war Bon-Bon, der in seinem rosa Plastikwäschekorb zufrieden in der Abendsonne auf einem Stück Holz kaute. Er war mindestens doppelt so groß wie Peanut und hatte eine sehr fröhliche und liebe Ausstrahlung. Peanut teilte sich währenddessen den Schoß seiner Babysitterin mit Bim, dessen spärliches rotes Haar in der Abendsonne glitzerte. Peanut war sichtlich erschöpft und immer wieder fielen ihm die schweren Äuglein zu.

Wir begleiteten alle Babysitter und Orangs zurück ins Haus, wo jeder Orang in seinem eigenen Plastikkorb zum Schlafen gelegt wurde. So ein Korb ist unwahrscheinlich wichtig für die Kleinen, denn er gibt ihnen Geborgenheit und sie können ihrem Klammerreflex nachgehen und sich am Rand festhalten.

Wir gingen zurück zur Waldschule, auch dort wurden alle Orangs auf die Nacht vorbereitet. Eine Gruppe fußfauler 5jähriger nahm Platz im roten Cabrio, einer Schubkarre, und wartete gemeinsam auf die Fahrt zur Schlafstätte. Man glaubt gar nicht, wieviele Orangs doch Platz in einer Schubkarre finden!

Den Abend verbrachten wir bei guten Gesprächen und Grillengezirpe, das minütlich lauter zu werden schien. Helmut wurde nachts von einem Skorpion besucht, wir lediglich von einer riesigen Kakerlake, die unserem Schuh zum Opfer gefallen war. Eigentlich hätten wir über sie stolpern müssen... Die Nacht war erfüllt von heftigen Regengüssen und leuchtenden Gewittern. Immerhin brachte das etwas Abkühlung.

Mit knurrendem Magen wachten wir auf und saßen wartend um 6 Uhr am Frühstückstisch. Nur leider kam kein Frühstück... Wie gut und wertvoll da doch ein paar deutsche Müsliriegel sein können!

Wir fuhren wieder in die Station und... warteten! Ja, mit Warten verbringt man in Indonesien viel Zeit! Wer die deutsche Ungeduld nicht am Flughafen gelassen hat, wird hier verzweifeln. Wir warteten so lange, daß unsere Marion während eines Gesprächs einfach eingeschlafen ist. Der Schlaf der Gerechten!

Als wir endlich unseren Fahrer ausfindig gemacht hatten, gingen wir zum Auto, um dort... richtig, weiter zu warten. Der Fahrer hatte es sich kurzfristig anders überlegt und musste erst überredet werden.

Doch dann ging es ins nahe gelegene Nyaru Menteng II, zu den Giganten hinter Gittern. Riesige männliche Orangs hinter dicken Gitterstäben, einer nach dem anderen. Für die Großen ist die Nähe zu den anderen die Hölle, wenn sie die longcalls (Paarungsrufe) über sich ergehen lassen müssen. Viele Orangs sind verzweifelt, dulden unsere Nähe nicht und drehen durch. Die meisten von ihnen lebten in Freiheit bis sie hierher kamen und sind Menschen nicht gewohnt und/oder kennen sie nur als lebensbedrohliche Gefahr. Einige von ihnen lebten in Bangkok, wo sie im Freizeitpark "Safari World" zur Belustigung von Menschen dienten und sich Boxkämpfe liefern mussten. Mit Hepatitis oder anderen ansteckenden Krankheiten kamen sie zurück...

Hier wohnt auch Hercules. Ein wahrer Prachtkerl und welch Schande, ihn in so einem Käfig sehen zu müssen. Sein Fell leuchtet orange und seine Gesichtszüge sind zart, freundlich und wirken vertraut. Er ist sehr gutmütig. Immer wieder steckt er uns seine Hand heraus, hat er doch überhaupt keine Kontaktmöglichkeit. Für uns steht fest, wir wollen ihm helfen. Die Möglichkeiten der Auswilderung sind gering, erst recht, wenn die Tiere ansteckende Krankheiten haben. Doch selbst wenn es nur der Bau größerer Käfige, eine gesunde vitaminreiche Kost oder Enrichements zum Zeitvertreib sind, ist damit schon eine Verbesserung der Lebensumstände erreicht.

Ein recht zierlicher und spärlich behaarter Orang kriecht in die letzte oberste Ecke seines Käfigs und schaut mich mit panischen großen Augen an. Die Angst steht ihm ins Gesicht geschrieben und für einen Moment blende ich meine Gefühle völlig aus. Ich möchte schreien vor Hilflosigkeit, doch in meinem Bauch schnürt sich alles immer enger zusammen. Helmut und ich gehen wortlos weiter und das Gefühl der Ohnmacht erreicht ihren Höhepunkt.

Im äußersten Käfig sitzt Godong. Godong, einst ein Patriarch des Dschungels. Jetzt sitzt er zusammengekauert, die Hände überm Kopf gefaltet und völlig abgemagert und apathisch auf dem Käfigboden. Sein Körper ist eingefallen und aschgrau. Einige ehemals rote Haare hängen glanzlos und fusselig am Körper, die Zähne abgenutzt und dunkelbraun. Bewegungslos starrt er auf immer die gleiche Stelle – Godong ist blind. Ich habe ihn 2006 zum ersten Mal gesehen und ich bin fest davon ausgegangen, daß er bereits gestorben war. Nun zu wissen, daß er mindestens die letzten 2 Jahre in dieser Position in diesem Käfig verbracht hat, lässt die Tränen fließen. DAS ist definitiv kein Leben.Alle wissen das, doch da Orangs unter das Washingtoner Artenschutzgesetz fallen, ist es illegal, diese Primaten zu erlösen. Da sieht man wieder, was Gesetze anrichten können...



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