Von Affenliebe und Krokodilstränen
 

In sehr bedrückender Stimmung beginnen wir unsere 4-stündige Fahrt zur Ölpalmenplantage. Indonesien hat ein Gesetz erlassen, das sämtliche Film-und Fotoaufnahmen von Ölpalmenplantagen im Land untersagt. Komisch, warum bloß, wenn man doch – angeblich – nichts zu verbergen hat? Der "Eingang" der Plantage ist nicht weit ab von der Hauptstrasse, gesperrt durch eine alte Schranke, ein Einheimischer als Wachposten. Ein Schreiben von BOS und eine nette Geste – und schon sind wir drin.

Ab hier beginnt der Wahnsinn, eine ökologische Katastrophe.

Kaum eine Kulturpflanze der tropischen Regionen kann auf derartige Expansionsraten in den letzten beiden Jahrzehnten zurückblicken wie die aus Äquatorialafrika stammende Ölpalme. Die Weltproduktion von Palmöl betrug 2003/2004 rund 28 Mio. Tonnen. Davon entfallen über 85 % auf Malaysia und Indonesien. Bei der Weltproduktion von pflanzlichen Ölen nimmt Palmöl damit nach Sojaöl den zweiten Platz ein.

Wir fahren über eine huckelige provisorische Schotterstrasse immer weiter in die Plantage hinein. Zu Beginn sind die Pflanzen eher Setzlinge und alle noch sehr klein. Je weiter wir fahren, umso größer werden die Palmen. Alles ist strikt in einer Linie wie ein Schachbrett angeordnet – bis zum Horizont nichts als Ölpalmen. Für diese Monokulturen wurde der ursprüngliche intakte Regenwald gerodet und die indigene Bevölkerung brutal vertrieben. Die Folgen sind verheerend. Die riesigen grünen Wüsten aus Palmöl-Monokulturen fressen sich in dem südostasiatischen Land immer tiefer in die Regenwälder.

Nach der Abholzung und dem Abtransport der wertvollen Baumstämme des ursprünglichen Gebiets wird der Boden des Sumpfwaldes entwässert. Pflanzt man nun diese Ölpalmen auf dem meterdicken Torf, der sich über Jahrhunderte dort gebildet hat und den Klimakiller CO2 fest speichert, werden all die Tonnen Kohlenstoffdioxid freigesetzt und in die Atmospähre entlassen. Ein Hektar des hier ursprünglich vorhandenen Regenwaldes kann bis zu 4.000 Tonnen reines CO2 speichern. Das ist pro Hektar dreißig mal soviel, wie in einem deutschen Wald gespeichert ist.

Der Klimawandel ist fest vorprogrammiert und in vollem Gange.

Über riesige Schlaglöcher setzt sich die Fahrt mehrere Kilometer in die Plantage hinein fort.
Es dauert nicht lange und schon kann man sich 360 Grad im Kreis drehen und man sieht überall bis zum Horizont nichts als Ölpalmen. Dicht an dicht stehen die Palmen, ein Muster an Regelmäßigkeit und Monotonie, Resultat des hohen Einsatzes von Paraquat, ein in vielen Staaten, u.a. in Malaysia, verbotenes Pestizid.

Wir steigen aus dem Auto aus und werden von der Hitze schier erdrückt. Über diesem flachen eintönigen Land hält sich keine Wolke, die Sonne knallt unmittelbar auf den Boden.

Außer den Ölpalmen, die künstlich bewässert werden, findet sich hier kein Leben. Es ist totenstill, abgesehen von den LKWs, die voll beladen mit den Ölfrüchten den Weg passieren. Kein Vogel ist weit und breit zu sehen, kein Grillengezirpe zu hören. Nichts, rein gar nichts! Die Pestizide tun ihr übriges und so stehen wir in Zentralborneo, der einst so grünen Insel inmitten von ausgetrocknetem totem Land. Dunkler Rauch steigt an der trügerisch grünen Horizontlinie empor. Wir stehen mitten drin – in der Vollendung des Irrsinns. Letzte Reste Regenwald werden verbrannt und übrig bleibt nur eine Rauchwolke am Himmel.

Nach 30 km durch Schlaglöcher, Huckelpisten und Schotterstrassen wird die einzige Strasse immer schmaler und unsere Rücken schmerzhafter, die durch die holperige Fahrt in einem ungefederten Fahrzeug sehr strapaziert werden. Wir treten den Rückzug an. Wir können nur erahnen, wie weit die Strasse und somit die Plantage noch führt; sehen kann man ein Ende nicht.

Plötzlich sehen wir auf der einen Seite schwarzen Ruß zum Himmel aufsteigen. Wir halten, klettern auf einen Hügel und stehen mitten drin. Der Regenwald brennt! Zu unseren Füßen schwarze verkohlte Pflanzenteile, Asche, glimmende Baumstümpfe. Es qualt und immer wieder lodern Flammen aus dem Boden. Torf brennt lange unterirdisch weiter, nur der Qualm steigt auf. Die Flammen knistern... ein Geräusch, daß sich wortwörtlich in meinem Kopf festgebrannt hat. Hinter uns brennt ein Baum und bricht unter den Flammen kraftlos zusammen. Die LKWs fahren belanglos an uns vorbei.

Viel habe ich bis dato über Plantagen gelesen, von der Größe und den Folgen der Monokultur, der Zerstörung des Lebensraumes vieler Tier-und Pflanzenarten, nicht zuletzt der des Menschen. Jetzt sah ich zum ersten Mal, wie schlimm es tatsächlich stand. Es ist eine traurige Welt, in der wir leben.

Wieder zurück auf der normalen Hauptverkehrsstrasse passieren wir einen Polizeiwachposten, der alle Autos vorbeifahren lässt, nur unseres nicht – als er Helmut vorne sitzen sieht. (die Autos sind alle verdunkelt) Das ist nun mal das Los, wenn man als Nicht-Indonesier abseits der Ballungsgebiete unterwegs ist. Nach einer Verwarnung, weil unser "TÜV" abgelaufen war und der Verpflichtung, dieses nachzuholen, konnten wir weiterfahren und stärkten uns in einem Warung.

Zurück in unserem guesthouse warteten wir abends auf unseren Essen-auf-Rädern-Lieferanten, doch leider vergebens. Wie sehr wir uns doch alle wünschten, vernünftig indonesisch sprechen zu können, um z.B. solche Vereinbarungen treffen zu können, aber das half uns in diesem Moment alles nichts. Die letzte Papaya wurde angebrochen, ein Dextro-Energen geteilt und Helmut hoffte auf ein wichtiges Treffen mit Pandu an diesem Abend. Doch auch der kam nicht...

Noch wichtiger als indonesisch zu können, ist es, Geduld zu haben!

Am nächsten Morgen packen wir um 6 Uhr unsere Koffer und wurden unter anderem von Jenny, die wir bereits von früheren Reisen kannten, abgeholt und fuhren zu Lones Haus, um uns von ihr zu verabschieden. Wir begleiteten Lone noch ein kurzes Stück in den Babywald und dürfen die Nähe der Allerkleinsten genießen. Zwei wirklich winzige und zerbrechliche Orangbabys sitzen aneinandergeklammert in der Morgensonne und geben sich gegenseitig Schutz, als wir große Riesen den Weg passieren. Gemeinsam mit Lone sitzen wir noch einige Zeit in der Schar der Orangs und unterhalten uns, suchen neue Namen für die Ankömmlinge und die Kameras laufen heiß.

Im Anschluß fahren wir mit dem Auto zu unserem Schnellboot, mit dem wir weitere 3 Stunden den Kapuas hoch nach Mawas fahren. Häuser auf Stelzen, ausgelagerte Toiletten und tropische Mangroven, gefolgt von unzähligen illegalen Sägewerken, prägen das Landschaftsbild, begleitet von dem immer gleichen lauten Surren des Bootsmotors. Unterwegs treffen wir auf ein anderes Boot, mit dem unsere Köchin nach Mawas gebracht wird und laden sie kurzerhand mitsamt der Lebensmittel um auf unser Boot.

Am Anleger angekommen, bin ich froh, daß die rutschigen sich drehenden Baumstämme nicht mehr existieren, sondern man über Bretter zum Land klettern kann. Die wenigen Häuser stehen noch da wie eh und je und wie immer hat jedes einen wunderschönen paradiesischen Vogel in einem winzigen Käfig vor der Tür hängen. Wir machen uns auf, die 2 km in sengender Sonne ohne Schutz eines Blätterdaches zum Camp zu bestreiten.
Nachdem mich dieser Weg 2004 fast den Verstand gekostet hat, bin ich sehr skeptisch, doch dieses Mal kühlt ein leichter Wind die Temperatur ab und wir kommen zwar völlig verschwitzt, aber guten Mutes im Camp an.

Begrüßt werden wir auf schwitzerdeutsch, denn wir treffen dort auf zwei Schweizerinnen, die in dem Camp an ihrem Forschungsprojekt über den Nestbau von Orang Utans arbeiten.
Wir stärken uns mit heißem Tee, Kaffee und viel Wasser und verpacken uns Blutegel- und Moskitosicher, um eine kleine Wanderung in das unberührte Mawas-Regenwaldgebiet zu unternehmen. Hier habe ich vor einigen Jahren meinen ersten wilden Orang Utan in Freiheit gesehen. Während die beiden Schweizerinnen schon viel geübter sind im barfußlaufen über die schmalen glitschigen Bretter und dabei das Blätterdach beobachtend, zielen meine Blicke eher darauf, nicht die Balken zu verfehlen und immer die trittsicheren zu treffen, um nicht durchzubrechen.

Es wird kühler und dunkler, je weiter wir gehen, doch die Schwüle erdrückt uns nach wie vor. Hier sind wir nun, in einem der letzten Urwälder unseres Planeten, Lebensraum für tausende Tier- und Pflanzenarten, Heimat, Speisekammer und Apotheke für die hier lebenden Naturvölker und Orang Utans. Hin und wieder hören wir Äste im Blätterdach brechen. Ein Orang Utan?

Man muß sich vor Augen führen, daß ein Hektar dieses Regenwaldes bis zu 40.000 verschiedene Insektenarten, 750 Baumarten (in ganz Deutschland gibt 65 heimische Arten) und 1500 Pflanzenarten beherbergen kann – und schon wird einem das Ausmaß durch Abholzung bewusst. Immer wieder entdecken wir Pflanzen, Pilze und Gebilde, die wir vorher noch nie gesehen haben und die an Urigkeit nicht zu übertreffen sind. Auf unserem Steg finden wir die Hinterlassenschaften von Gibbons, wenigstens etwas! Wir sind umgeben von Lauten anderer Waldtiere oder dem Flattern eines Vogels. Ein blauer Schmetterling zieht still an uns vorbei.

Wenn man nach diesem Erlebnis gerodete Fläche betritt, fühlt man sich nackt und beraubt.



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