Von Affenliebe und Krokodilstränen
 

Nach dem reichhaltigen Lunch fahren wir zusammen mit Helmut und unserem Guide zu dem Feuerturm. Dort können wir in luftigen 38 Metern Höhe und angenehmen Wind Samboja auf uns wirken lassen. Das Gebiet ist nicht wiederzuerkennen. Die Bäume sind immens gewachsen.

Unten im Akazienwald sammele ich Samenhülsen für unsere Fotoausstellung "Faszination Regenwald". Von dort gehen wir zu Fuß zum Office und betreten erstmals das "Alas lou taka"-Büro. Zu deutsch: "Der Wald, unser Zuhause". Von hier aus wird »Fans for nature« eine indonesische Stiftung gründen und verschiedene Projekte zum Erhalt des Regenwaldes auf Borneo betreuen. Im Office selbst gibt es einen kleinen Shop, bzw. eigentlich ist es ein Büro, in dem die zu verkaufenden Artikel gelagert werden. Na, jedenfalls haben wir vier Mädels diesen Shop komplett gestürmt und auf den Kopf gestellt. Leider war unsere Ausbeute sehr gering, aber immerhin haben wir nun ausreichend Orang Utan-Postkarten!

Wir besteigen noch den Turm und haben auch von hier eine fantastische Aussicht. Über unseren Köpfen befindet sich der von der Raumfahrtbehörde ESA entwickelte Transponder. Ein ausgeklügeltes Überwachungssystem, mit dem man per Satellit den Standort und die Entwicklung jedes einzelnen Baumes beobachten und verfolgen kann. Weltweit gibt es von diesen hochentwickelten Geräten nur zwei Stück. Eins davon über uns...

Den Abend verbringen wir mit Bintang und Gesprächen mit Eric, einem Holländer.

Am nächsten Morgen frühstücken wir ein letztes Mal gemeinsam mit Fritzi und Helmut. Die beiden packen ihre Koffer und fliegen weiter in den Oman. Marion, Doris und ich machen uns mit Argus auf zur nursery, der Baumschule von Samboja Lestarie. Dort treffe ich auf Mbdi Selamat, den ich bereits 2004 kennenlernte. Mbdi ist ein Dayak und er war damals der erste, der sein Land an BOS verkaufte und noch heute davon profitiert: Er und seine Kinder haben Arbeit in der Baumschule, er hat ein Haus direkt gegenüber, die Qualität der Nahrung ist deutlich verbessert, die Infrastrukur wächst und die medizinische Versorgung ist den Verhältnissen entsprechend sehr gut. Mit seinen 64 Jahren, einer Körpergröße von ca. 1,30m und den viel zu großen grünen Gummistiefeln, geht Mbdi jeden Tag seiner Arbeit nach. Nicht weil er es finanziell müsste, sondern weil es sein Leben ist. Er freut sich sichtlich über unseren Besuch und strahlt uns mit seinem zahnlosen Gebiß an. Dieses war ein klarer Fall für unsere Zahntechnikmeisterin Doris!

Doris und Marion bekommen einige Arbeiten gezeigt, die sie selber ausprobieren können, wie z.B. Setzlinge umtopfen. Ich gehe währenddessen auf Insekten-und Reptilienfotojagd. Ich fotografiere die Pflanzenvielfalt, die angrenzende Rinderherde und liege wegen einem sich sonnenden Skink auf der Lauer. Direkt an der kleinen Hütte befindet sich ein rostiger Käfig. Drin liegen zwei riesige Boas, zusammengerollt mit verletzten Hautschuppen und eitrigen Nasen. Bereits bei meinen letzten Besuchen wurden hier "Fundtiere" aus den Plantagen untergebracht. Kein schöner Anblick... Ein Käfig weiter sitzt ein rosa/ockerfarbener Plumplori und schaut uns mit riesigen Augen an. Dieses seltene nachtaktive Tier wird hoffentlich nicht den mythischem Aberglaube zum Opfer fallen, daß sein Fell die Wundheilung fördert...

Gleich nebenan ist eine kleine Schreinerei, in der handwerkliche Arbeiten gefertigt werden wie z.B. die außergewöhnlich schönen Stühlen in der Samboja-Lodge. Wir finden dort auch Orang Utan-Schnitzereien aus Kokosnußschalen, Visitenkartenhalter und kleine geschnitzte Kokosnußschälchen. Besonders ausgefallen sind ein geschnörkeltes Holztablett und ein handgefertigter Holzbilderrahmen in 40x60cm, der uns noch einige Nerven kosten sollte.
Vollgepackt verlassen wir das Gebäude...

Nach dem Mittagessen in der Lodge, das schon deutlich an Auswahl und Geschmack abgenommen hatte, fuhren wir mit dem Auto zum schwarzen Fluß, dem sungai hitam.
Hier verkleideten wir uns als Leuchtboje, bestiegen das Boot mit unseren Schwimmwesten und schipperten auf dem Fluß, der nicht umsonst "schwarzer Fluß" heißt. Es war eine dunkle Brühe, jede Menge Müll trieb auf der Oberfläche. Mehrfach wickelten sich Plastiktüten um unsere Schiffsschraube und setzte sie außer Betrieb.

Wir sind auf der Suche nach den hochbedrohten und auf Borneo endemisch lebenden Nasenaffen. Sie werden auch gerne "dutch monkeys", also Holländeraffen genannt.
Warum? Vielleicht weil ihre riesige geschwollene rote Nase der von sonnenverbrannten Europäern gleicht? Ihre gurkenförmige Nase wird mit fortschreitendem Alter immer größer, so dass alte Männchen sie manchmal beim Essen zur Seite schieben müssen, um Futter in den Mund stecken zu können. Etwas merkwürdig erscheint es schon, dass man die Nasenaffen zu den so genannten Schlankaffen zählt. Das, was neben ihrer großen Nase am meisten auffällt, ist nämlich ihr ziemlich dicker Bauch.

Doch es dauert, bis wir überhaupt welche zu Gesicht bekommen. Erst hören wir nur wildes Geraschel in den Mangroven, das Schilf an der Uferböschung wird zur Seite gedrückt und zwischendurch ein Plätschern. Wir mussten uns lange gedulden und ich überlegte derweil, eine Ausbildung als Rettungsboje zu absolvieren... Irgendwann sahen wir die ersten Nasenaffen hoch oben in den kargen Bäumen. Ihre Fellfarbe ist perfekt an die grauen Baumrinden angepasst, doch ihre leuchtend roten Nasen verrieten sie – vor allem, wenn man sie in der Silhouette zu Gesicht bekam. Sie waren hoch oben in den Bäumen, wir weit unten bewegungsunfähig in einem Boot – und dennoch brach bei unserem Anblick die blanke Panik aus. Ich vermute immer noch, es lag an den Schwimmwesten!

Alle Affen sprangen fast zeitgleich von einem Ast zum nächsten und da die Bäume sehr spärlich angesiedelt waren, ließen sie sich wie Plumpssäcke aus den Baumkronen in den Fluß fallen. Es war ein Gezeter, Gekreische und Geplatsche. Es gab dicke Männchen, die manchmal den Aufbruch der anderen verpassten und nun mutterseelenallein hoch oben im Baum saßen. Alles schimpfen half nichts und schließlich ließen sich auch die bis zu 24kg schwere Männchen irgendwann fallen. Nasenaffen gehören zu den wenigen Primaten, die schwimmen können, denn das fordert ihr Lebensraum von ihnen. Die Indonesier sagen, es wären sehr reinliche Tiere, weil sie soviel schwimmen... angesichts der braunen Brühe kommen mir da aber Zweifel.

Immer wieder treffen wir auf Gruppen mit bis zu 10 Tieren. Überall das gleiche Drama. Es ist eher ein akustisches als ein visuelles Schauspiel, und als das Boot dann auch noch in die Mangroven treibt, sehe ich sowieso nichts mehr.

Schmunzelnd erreichen wir wieder das Ufer und während Argus noch einen Plausch mit seinem Kumpel hält, gehe ich zu einer nahegelegenen Hütte und versuche, mit den Einheimischen zu kommunzieren. Bei den Kindern funktioniert das am besten mit Luftballons und kleinen Gummibärchentüten. Der ca. 8jährige Junge bekommt leuchtende Augen und versucht mit Leibeskräften, den Ballon aufzupusten. Seine kleine Schwester interessiert sich eher für das Material und erzeugt mit ihren Fingern quietschende Geräusche auf dem Gummi. Die Stimmung ist ausgelassen und ein wildes Fußballspiel mit dem Ballon beginnt. Man muß sich vor Augen halten, daß die Menschen auf engstem Raum in einer Hütte leben, rein gar nichts besitzen und dennoch soviel Fröhlichkeit ausstrahlen.

Abends bekamen wir von der Wäscherei unsere T-Shirts zurück. Ich erinnerte mich, weiße Shirts abgegeben zu haben. Jetzt waren sie hellblau, Mut zur Farbe! Das Abendessen fiel extrem karg aus... man hatte den Eindruck, daß es jeden Tag weniger wurde und der Eindruck sollte sich bestätigen. Hatten wir anfangs noch ein wunderbares Buffet mit leckerer Auswahl, bekamen wir nun jeder einen Teller Suppe und danach einen Teller des Hauptgerichts zugeteilt, was nach deutschen Kriterien eher einer Vorspeise glich. An einen Nachschlag war nicht zu denken, denn anscheinend wurde immer exakt passend gekocht.



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