Von Affenliebe und Krokodilstränen
 

Wir fuhren zurück ins Matahari Einkaufszentrum, wo er und unser Fahrer ihre verdiente Pause antreten konnte. Denn: wir gingen shoppen! Wir stillten unseren Hunger mit versalzenen Pommes ohne Cola und streiften durch ein riesiges indonesisches H&M.
Zu meiner Freude gab es hier Futterbeutel für meinen Hund (Anmerkung: ein Beutel zum Apportieren)! Vermutlich war es eher als Stiftbeutel für Kinder gedacht, doch der Kreativität sind ja keine Grenzen gesetzt und wir wollten natürlich auch unseren Vierbeinern etwas aus Borneo mitbringen. Rico, Rudi und Pebbles besitzen nun als wohl einzige Hunde weltweit echte bornesische Futterbeutel!

Auf dem Weg zum local market kamen wir am Warung telekom vorbei und telefonierten alle drei nach Hause, um ein Lebenszeichen abzusetzen. An der Strasse, die zum Markt führt, reiht sich ein Schuhladen nach dem nächsten. Die vielen kleinen Verkäuferinnen wuseln wild durcheinander und kichern, wenn wir den Laden betreten, manche schlafen hinterm Tresen. Ich fand ein paar Sandalen, allerdings in der Herrenabteilung, denn die Damenschuhen endeten bei Größe 39.

Wir traten in einenweiteren kleinen Markt ein. Eine riesige Halle mit unzähligen Ständen, eng an eng. Die Marktfrauen winkten uns zu, viele wollten fotografiert werden und wir genossen das indonesische Flair mit all seinen Gerüchen und Geräuschen. In den Gängen mit Schuhen, Geldbörsen, Koffern und Taschen schauten Doris und ich uns an – und wir wussten: hier kaufen wir jetzt für unsere vielen Einkäufe einen zusätzlichen Koffer! Gesagt, getan. Ca. 30€ wechselten den Besitzer und wir zogen mit einem roll- und abschließbaren Koffer zurück zu unserem Auto. Argus und unser Fahrer lächelten verschmitzt...

Schnell sprangen wir noch in den Supermarkt und deckten uns mit Obst, Babybel, dem Frischkäse Kiri und einer Flasche Volvic zu horrenden Preisen ein. Wie unterschiedlich alleine das Wasser schmecken kann, unglaublich! Jetzt endlich sollte uns die kurze Fahrt zu dem Ziel meines Tages führen: Pizza Hut! Juhuuu, wir waren da! Faszinierend, wie man sich als Nicht-Fast-Food-Esser so auf ein Stück europäischen Geschmack freut! Okay, das überbackene Baguette wich "minimal" von dem Foto auf der Karte ab und war nichts anderes, als ein Stück weiches Toastbrot, wie wir es nun zur Genüge kannten, aber die Pizza war ein Fest für meine Geschmacksnerven!

Gestärkt machten wir uns auf den einstündigen Rückweg und ich hatte als Beifahrerin die Aufgabe, unseren Fahrer wachzuhalten. Man beachte dabei die Blinzelhäufigkeit und ab wann er anfängt, seinen Kopf zu kratzen. Je weiter wir aus der Stadt herausfuhren, umso einsamer wurden die Strassen. Immer wieder fuhr ein Moped in unserem Scheinwerferlicht.
Bei einem traute ich meinen Augen kaum! Wie viele war auch dieses Moped dick bepackt. Gedankenversunken dachte ich, es hätte große Seitentaschen, doch es waren mit Schnur und Tüten eingewickelte lebende Hunde! Der eine musste seinen Kopf völlig schief wegdrehen, um sich nicht an dem heißen Auspuff zu verbrennen, der andere ließ seinen Kopf apathisch herunterhängen – beide wurden von den knatternden Auspuffgeräuschen und den Abgasen vollgedröhnt.

Diese Bilder ließen uns alle nicht mehr los.....

Am nächsten Tag planten wir eine Tour durch das Sungai Wain-Gebiet und Argus durfte unser Begleiter sein. Nach einer gut einstündigen Fahrt meldeten wir uns bei der Behörde an und verpackten uns tropentauglich. Räudegeplagte Hunde und viele Kinder in Schuluniformen kreuzten unseren Weg. Wir waren kurz vor dem Regenwald angekommen, da versperrte uns ein Tor den Weg in den Wald. Dort hing tatsächlich ein Zahlenschloß am Eingang zum Regenwald! Die Guides gaben sich größte Mühe, doch leider kannte einfach niemand die Zahlenkombination. So standen wir vor verschlossenen Türen und boten einen prima Landeplatz für Moskitos, die durch unseren Schweiß angelockt wurden. Es war einfach so unendlich drückend... und nachdem nach einer Ewigkeit niemand eine Lösung sah, fragte man uns vorsichtig, ob wir vielleicht kriechend unterm Zaun herrobben würden. Das hätte uns auch eine Stunde früher einfallen können... Nun ging es also los. Das erste morastige Stück war mit einer Brücke bebaut, danach ging es weiter über bemoosten z.T. rutschigen Waldboden. Die Temperatur fiel, der Geruch nach modrigem Sumpf und süßen Blume erfüllte die Luft. Die Sonne wurde von den riesigen Bäumen, die über uns aufragten, fast komplett aufgehalten. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl erfasste mich, als ich mich umsah, nach oben, nach unten, rechts und links. In diesen Momenten vergesse ich alles, die Vergangenheit, die Zukunft – ich verlor mich völlig in diesem Augenblick, den ich am liebsten für immer festgehalten hätte. Glücklich – egal, welche Mengen Schweiß den Körper herunterströmen, wie man aussieht oder wie anstrengend es ist. "Frei" beschreibt diese Situation sehr gut. Fern ab jeglicher Zivilisation, des Alltags und des Strudels von Fremdbestimmung und Pflichten.

Wir liefen immer weiter über matschige Erdhügel und knorrige Baumwurzeln, die sich in den Erdboden hinein-und dann wieder herauswanden. Buntes Laub aus riesigen Blättern und Pfützen bedecken den Boden. Die kleineren Sträucher und Büsche im Unterholz reckten sich in dem Versuch, wenigstens ein paar der spärlichen Lichtstahlen einzufangen – wie ein Baldachin schwebten über uns die mächtigen Äste der Bäume, die das Licht gierig aufnahmen. Unter uns lauerte nun eine Vielzahl an Blutegeln, die sich über so viel Besuch sichtlich freute. An den Gummistiefeln der Guides hafteten sie besonders gut, doch auch vor uns machten sie nicht Halt. Jeder pflückte kleine Blutsauger vom anderen ab. Bald erreichten wir die erste Station. Eine zerfallene Holzhütte zeugte von früheren Auswilderungen. Genau wie beim letzten Besuch war das Vordach von einer Kolonie Fledermäuse besiedelt, die jetzt allen Grund zur Aufregung hatten und wild umher flatterten. Alle tranken mindestens eine Flasche Wasser, die wir schnell wieder ausschwitzten.

Plötzlich ein Knacken in den Kronen, Äste brechen. Dann ist es wieder still. Wir konnten nichts sehen, wurden wir uns bewusst, wie winzig und unwichtig wir in diesem Gefüge doch sind. Nochmal: wie ein grollendes Donnerwetter brechen die Äste für einige Sekunden.
Wieder Stille. Wir sehen nichts und können nur Vermutungen anstellen. Makaken und Gibbons wären viel zu leicht, um solche Geräusche verursachen zu können, außerdem plappern sie viel und hätten sich dadurch verraten. Wir wussten, daß wenige Tage zuvor hier in diesem Wald, zwei Menschen von einem Orang Utan angefallen wurden. Sie hatten die Warnung des Orangs nicht Ernst genommen. Dieser Orang war Uce, der erste von Dr. Willie Smits gefundene Orang Utan. Smits rettete sie von einer Müllhalde, wo sie als verdorbene Ware hingeworfen wurde, und mit ihr begann die gesamte Geschichte des heute weltweit größten Primatencenter. Hier in Sungai Wain lebt sie und hat mittlerweile zwei Nachkommen gezeugt, Matahari und Bintang.

Unser Weg setzte sich fort über dicke braune Kletterpflanzen und vermodertem Holz.
Das tänzelnde Wechselspiel von Licht und Schatten hinter jeder Kurve schaffte eine vollkommen mystische Atmosphäre. Je weiter wir gingen, desto mehr nahm mich dieses beeindruckende Naturschauspiel gefangen. Ich genoß das Privileg, eine der schönsten Naturlandschaften unseres Planeten bewundern zu dürfen.Um etwas davon mit nach Hause nehmen zu können, suchten wir den Boden nach Samenkapseln oder kuriosen Holzstückchen ab, die wir trockneten und fortan in meiner Fotoausstellung "Faszination Regenwald" zeigen.

Der Weg führte uns vorbei an einer großen entwurzelten Palme, deren Blätter schon ordentlich verwittert waren, nur die Blattadern waren in einem faszinierendem Muster erhalten. Wir waren uns ohne großer Worte einig, daß dies Blatt mit muß! Mit einem Durchmesser von einem halben Meter staunte Argus nicht schlecht, was die beiden Europäerinnen da nun im Regenwald machten, während wir dieses Blatt vorsichtig rollten und in den Rucksack steckten. Wir sahen Argus' Fragezeichen im Gesicht und ich sagte "Shopping!", so wusste er Bescheid und lachte herzhaft. Wir werden wohl nie erfahren, was er wirklich über uns denkt...

Wir wanderten weiter durch Matsch und Geäst, als ein Guide uns plötzlich eindringlich andeutete, wir sollen uns ganz ruhig verhalten. Und da hörten wir es: leises Geraschel und Geschmatze in den Baumkronen. Wir sahen lediglich, daß sich das Blätterdach bewegte und kleine Äste brachen. Doch dann kam rötliches Fell zum Vorschein. Vorsichtig näherten wir uns, den Kopf immer nach oben gereckt, während unter unseren Füßen das Holz scheinbar so laut wie noch nicht knackte. Da war sie: Uce mit ihrem Baby Bintang.

Völlig unbeeindruckt von uns kaute sie weiter auf ihren Blättern und ihr Baby starrte uns mit großen Augen an. Für einen kurzen Augenblick stand die Welt still. Uce: ihr Schicksal rettete bis heute 1500 Orangs das Leben und nun sitzt sie selbst mit ihrem Baby in den Bäumen und führt ein Leben, wie es jeder Orang tun sollte.



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