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Noch eine weitere halbe Stunde später erreichten wir ein Camp, wo drei Mitarbeiter von BOS uns bereits erwarten.
Die Gedanken kreisen automatisch darum, wie man hier, fern ab jeglicher Zivilisation, soviel Material zum Bau der Hütte anschleppen konnte. Wir sind so schon völlig fertig und haben jeweils nur unser eigenes Trinkwasser getragen.
Endlich Pause und der Schweiß rinnt hemmungslos an uns herunter.
Unsere Kleidung ist auch ohne Sommerregen klitschnaß.
Ein riesiger Urwaldriese mit so hohen Wurzeln, die als Sichtschutz fungierten, dient uns als Toilette, denn unter diesen klimatischen Bedingungen müssen unsere Nieren dringend gespült werden. Hunger macht sich breit, Dextro-Energen rettet uns über einige Minuten.
Doch das reichte nicht... wir hatten noch einen Müsliriegel dabei. Eine Bio-Fruchtschnitte aus Deutschland für 1 € das Stück (reinster Wucher, hätte ich mir normalerweise NIE gekauft) – und es passierte das, was man keinem begreiflich machen kann, der nicht in dieser Situation war. Beim Anblick dieses Riegels voller Hunger wurde uns schlecht! Richtig schlecht! Wir hatten nun schon einige Tage diese Riegel gegessen und es ging einfach nicht mehr. Ich hatte das gleiche Problem schon lange mit weißem Reis und auch diesen Riegel wollte unser Körper einfach nicht mehr.
Der Blutzuckerspiegel sackte ab und wir hatten die Wahl zwischen Zusammenklappen mit oder ohne Riegel im Bauch. Einige Multivitamintabletten und viel Wasser später konnten wir uns wieder auf einem normalen Level einpendeln.
Die drei BOS-Mitarbeiter machten sich auf zur nächsten wissenschaftlichen Beobachtung von Orang Utans und wir verweilten noch einige Momente.
Es war sehr eigenartig, daß dort dann zwei Europäer mit nacktem Oberkörper entlang kamen und nach dem Weg fragten. Wir waren schließlich nicht auf einem Wanderweg in den Alpen, sondern tief im Dschungel Borneos.
Irgendwann machten auch wir uns auf den Rückweg und die Blutegel schienen nur auf uns zu warten; schließlich "wussten" sie ja, daß es nur diesen einen Weg gab und wir da zurückkommen mussten.
Rötlich schimmernde gibbonähnliche Affen boten ein tolles Abschlußbild und entließen uns wieder in die Zivilisation.
Unser Fahrer, der uns auch durch Sungai Wain begleitete, konnte seine Müdigkeit nicht verbergen und musste während der Fahrt stets aufgemuntert werden.
Kurz vor der Einfahrt zu Samboja Lestarie baten wir ihn, bei der Tischlerei an der Baumschule anzuhalten. Dort hatten wir schöne Schnitzereien aus Kokosnußschalen gesehen, die wir jetzt kaufen wollten.
Kurz: wir stürmten die Halle!
Wir kauften eigentlich alles, was es dort gab.
Doris entdeckte einen mit feinem Muster geschnitzten dunkelbraunen dicken Holzrahmen für Bilder und verliebte sich sofort. Sie fragte, ob ich die Möglichkeit sehe, den nach Hause zu transportieren und ich sagte "Ja, klar! Der passt auf jeden Fall in meinen Koffer!"
Wie ich mich täuschen sollte...!
Nicht nur die Müdigkeit, sondern auch ein Moskitoschwarm auf Attacke ließen uns an dem Abend früh ins Bett gehen und so schlief ich 10 Stunden am Stück durch.
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Gemütlich machten wir uns nach dem Frühstück mit Obst und Babybel auf den Weg zu den Canopybridges. Eine gute Stunde Fahrt über große Schlaglöcher und wir waren dort. Zum Glück hatten wir einen Tag gewählt, an dem kaum jemand anders dort ist, denn am Wochenende ist dies für Einheimische eine große Attraktion und man bekommt kaum einen Fuß an den Boden.
Wir wanderten einen Pfad über Baumwurzeln, gespenstisch wie aus der Sagen der unendlichen Geschichte, hinauf. Links und rechts formte eine Allee aus uralten Bangkirai-Bäumen den Weg.
Oben angekommen wurden wir von einem wildlebenden Silvergibbon angeschrien, der panikartig die Flucht ergriff. Wir bestiegen den 40 m hohen Turm und genossen eine traumhafte Aussicht über das Blätterdach des Regenwaldes. So in etwa muß es aus der Sicht eines Orang Utans sein.
Wir waren leider nicht die einzigen auf dieser Brücke und ein paar Jugendliche verfolgten uns mit ihren Kameras. Für ein älteres Ehepaar winkte ich auf Wunsch in die Videokamera und musste erzählen, woher wir kamen.
Unsere Ausdauer war ergiebiger und so waren wir doch bald alleine auf den Aussichtsplattformen, die in schwindelnder Höhe mit Hängebrücken verbunden waren.
Zwar hatte ich meine Skepsis, waren die Termiten doch schon 2004 bis oben hin gelangt, aber es erwies sich als unbegründet.
Die Tierwelt hielt sich sehr bedeckt, doch wir konnten einen großen Hornvogel entdecken, der aber schnell in den Baumkronen verschwand. Konfrontiert mit diesem riesigen Wald , wird man selbst plötzlich ganz klein.
Man sieht sich nicht mehr als Krone der Schöpfung, sondern nur noch als winziges entbehrliches Teilchen in einem unfassbaren Gefüge. Wir beobachteten, wie ein Blutegel sich über eine Ameise hermachte. Ob er davon wohl lange satt blieb?
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»Die Arroganz und Ignoranz gegenüber Naturgesetzen wird der Menschheit vielleicht einmal das Genick brechen.
Wenn sie nicht konsequent die dringend erforderlichen Entscheidungen abnehmen, die Erde wird uns beweisen, das sie auch ohne uns weiterexistieren kann.«
– Rüdiger Nehberg – |
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Auf der Rückfahrt hatten wir einen "wunderbaren" Überblick über die Landschaft Kalimantans, da das Gebiet erhöht lag und Borneo an sich eher flach ist. Die "grüne Insel", so stellt man es sich vor – und so war es auch! Trügerisches Grün bis zum Horizont.
Es waren keine Bäume, sondern kilometerweites Alang-Alang Gras.
Dieses Gras breitet sich nach der Brandrodung flächendeckend aus und unterdrückt durch seine toxischen Wurzeln das Wachsen jeglicher anderer Pflanzenarten.
Es ist ein ca. 1,50 m hohes, sehr hartes, schneidendes Gras. Es ist nicht verwertbar als Viehfutter und bietet durch die vertrocknete Grasschicht am Boden einen idealen Nährboden für weitere Feuer.
Wir blicken auf eine ökologische Wüste. Zwischen den Gräsern sieht man immer wieder verkohlte dünne Bäume, die dem Holzeinschlag nicht dienlich waren.
Den Nachmittag verbringen wir faulenzend in der Lodge, mit kuriosen Bettlakenfotos und dem Nachstellen einer Schlange auf einer Bananenstaude.
So langsam packen wir unsere Koffer und stellen fest, daß wir enorm viel eingekauft haben.
(Hatte ich nicht vor der Abfahrt gesagt, man kann auf Borneo nichts einkaufen?)
Zum Glück haben wir den zusätzlichen Koffer auf dem Markt gekauft.
Der große Holzbilderrahmen soll meinen Koffer wie geplant ausfüllen und das tat er auch millimetergenau – wäre er nur nicht durch die Feuchtigkeit an einer Seite leicht verzogen und genau dieser eine Zentimeter verhinderte nun, daß sich mein Hartschalenkoffer schließen ließ.
Grübelnd gingen wir hungrig zum Abendessen, jedes Mal in der Hoffnung, doch endlich mal wieder satt zu werden. Die zugeteilte vegetarische Vorsuppe für Marion und mich sah sehr vielversprechend aus. Als dann Doris jedoch die exakt gleiche Variante mit Seafood bekam, ahnte ich Schlimmes. Doris probierte meine Suppe – und ja, auch wir hatten eine Fischsuppe, aus der lediglich der Fisch herausgesucht war. Fazit: ungenießbar.
Freudig erwartete ich den "Hauptgang", doch als mir ein Hühnerbein serviert wurde, machten sich Fragezeichen bei mir breit. Ich war nun schon seit Ankunft in der Lodge als Vegetarierin bekannt und zeigte auch keine Absicht, dies zu ändern.
Mit großem "Ooooooohh sorrrrryyyyyyyyyy“ verschwand das Hühnerbein zu Doris' Leidwesen wieder in der Küche und wurde nie wieder gesehen. Leider reagierten wir nicht schnell genug, denn Doris hatte nun zum zigsten Mal Seafood serviert bekommen und wäre sehr dankbar für ein Hühnerbein gewesen. Die beiden aßen und ich wartete weitere 20 Minuten auf mein neues Essen.
Da kam es! Aber was war das? Ein Teller Seafood mit etwas Gemüse. "Sorry, I am VEGETARIAN! I don't eat ANY meat or seafood!". Zur Antwort kam: "Oh, you are PURE Vegetarian!" Ja, bin ich! Kein halber oder zweidrittel-Vegetarier, sondern ein ganzer! Genauso wie die letzten Tage auch. Lina konterte aber sehr pfiffig, daß ich ja zumindest das Gemüse auf meinem Teller essen könnte, solange bis das neue Gericht kommt. Naja, den letzten Teil hatte zumindest ich so verstanden. Doris und Marion waren sich sicher, daß für mich nun nichts weiter zubereitet wird und sie sollten recht behalten. Ich stocherte in meinem kalten Kohl mit Erdnußsoße herum und erlebte einen Geschmack, der mich noch lange in meinen Albträumen verfolgen sollte.
An diesem Abend lernten wir ein britisches Ehepaar kennen, die auf dem Weg zu Lone waren.
Sie hatten noch vom Flughafen in Dubai 1kg Lindt-Schokolade dabei. Ich bin kein großer Fan von Lindt-Schokolade, hier hätte ich aber vermutlich alles dafür gegeben! Brauchte ich aber nicht, sie überließen uns das gesamte Paket!
Endlich erreichte der Blutzuckerspiegel wieder ein normales Maß.
Als ich kurz auf unser Zimmer ging, vorbei an dem ohrenbetäubenden Froschteich traute ich meinen Augen kaum. Dort saß eine Mega-Kröte, die exakt so aussah wie meine Dekokröte im falschen Maßstab zu Hause im Garten. Mit annähernder Meerschweinchengröße hätte ich sie mit zwei Händen fangen können, doch gibt es viele Kröten, die dann über ihre Haut einen giftigen Schleim absondern – dazu wollte ich sie nicht veranlassen. Zum Glück verstummte das Froschkonzert jeden Abend ziemlich pünktlich um 23 Uhr... wir vermuten immer noch ein Tonbandgerät zur Belustigung der Gäste! ;)
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Unser letzter Tag bricht an und wie jeden Morgen sehnen wir das Frühstück herbei. Jeden Morgen werden wir wieder enttäuscht. Wie wichtig einem da doch eine mitgebrachte Flasche Haferflocken werden kann! Aber wenigstens die frischen Fruchtsäfte aus Mango, Melone oder Papaya sind genießbar und köstlich. Unser lieber Argus hat heute seinen freien Tag und wir gönnen ihm die Erholung von Herzen.
So machen wir uns alleine mit unserem Fahrer auf den Weg zu einer Krokodilstation. Ich wusste nicht wirklich, was mich erwartet. Doch es war wie befürchtet, eine Krokodilzuchtstation zur Taschen- und Fleischherstellung.
Eng an eng liegen die Krokos in kleinen Abteilen im verdreckten Wasser. Revierkämpfe zeigen deutlich Spuren. Manchmal liegt nur ein Tier im Wasser, während alle anderen weggebissen werden, so wie sie es wagen, auch nur ein Bein ins Wasser zu halten.
Wir sehen abgebissene Gliedmaßen und blutende Augen.
In einem Gehege traue ich meinen Augen kaum. Ein riesiges ausgewachsenes männliches Siam-Krokodil. Völlig starr und unbeweglich liegt es mit geöffnetem Maul da. Es ist so riesig und voluminös, daß es schon fast unecht wirkt. Dies ist eins der Zuchtmännchen, Wasser ist ihm leider nicht vergönnt. Furchtbar!
In einer Teichanlage liegen und schwimmen weitere riesige Exemplare. Das Wasser ist voll mit Teichlinsen und aus der grünen Brühe blitzen hier und da wache Krokodilsaugen. Ihre Körperkonturen bilden sich in den grünen Wasserlinsen ab.
Stolz werden uns die Babys gezeigt und das Angebot, ob wir mal eins auf den Arm nehmen wollen, lehnen wir strikt ab. In dem angrenzenden Restaurant wird Krokodilfleisch, Handtaschen, Schuhe und Geldbörse aus deren Leder als Souvenir angeboten.
Wir haben genug von diesem Elend gesehen und treten die Heimfahrt an.
Zum Mittagessen wird wieder die Hoffnung auf einen vollen Magen im Keim erstickt. Wenigstens gibt es ein bißchen abgezähltes Obst zum Nachtisch. Wir hofften auf das Abendessen! Den Rest des Tages verbrachten wir mit Entspannen, Kofferpacken und Blättersammeln. Blätter für die Ausstellung "Faszination Regenwald". Schon die ganzen letzten Tage hat uns ein Gewächs vor unserer Tür angelächelt. Ein Nestfarn, den wir durchaus auch in Deutschland in den Gartencentren finden, doch hatte dieser eine Größe, in der sich Doris komplett verstecken konnte. Wir nahmen das 1,50 m lange schmale Blatt mit und verstauten es im Koffer.
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