Von Affenliebe und Krokodilstränen
 

Der nächste Morgen begrüßte uns mit einem reichlich eingedeckten Buffet, was uns sehr verwunderte. Viele Arbeiter wuselten umher, brachten Holzjalousien an und werkelten. Der Grund kam schon bald vorgefahren: Willie Smits kam persönlich vorbei und das Buschtelefon funktionierte. Wir frühstückten gemeinsam und nutzen die Zeit mit Willie für Gespräche. Schon bald war unser Abschied gekommen. Wie ließen den Angestellten noch einige Handtücher, T-Shirts und Duschgels dort und machten ihnen damit eine große Freude. Lina freute sich am meisten über meine Haferflocken, verständlich! ;)

Wieder fuhren wir eine gute Stunde zum Flughafen und checkten ein zum Flug nach Jakarta. Der Schalterbeamte sah bei uns drei alleinreisenden Frauen seine Chance und verlangte ca. 35 € für das Übergepäck, das nicht näher erläutert wurde. Wieviel Übergepäck hatten wir nun? Unsere beiden Koffer wurden für Sekunden auf die Waage gestellt und schon stand der Betrag fest. Für wieviele kg das sein sollte, werden wir nie erfahren.
Mit einer halben Stunde Verspätung starteten wir nach Java. Dort angekommen hieß es, daß man am Flughafen sein Gepäck sicher lagern lassen kann, da wir 7 Stunden vor unserem Flug noch nicht einchecken konnten. Bloß wo? Mit unseren vier Koffern und drei Rucksäcken stärkten wir uns erstmals bei McDonald's mit einer Portion versalzener Pommes.

Dann begann die Suche auf dem gesamten Flughafengelände. Im ersten Stockwerk war schon mal nichts, im Erdgeschoß auch nicht... oder doch? Ein kleines Kämmerchen ohne jegliche Beschriftung, nur durch Zufall von 2004 wiedererkannt, sollte nun unsere Koffer für die nächsten Stunden beherbergen. Geschäftstüchtig vermittelte der Kofferlagerist uns auch gleich einen Fahrer, der uns zum Zoo Ragunan in Jakarta Stadt bringen sollte. Da viele Indonesier gerne auf alle Fragen mit "Ja Ja" antworten, egal, ob sie sie verstanden haben oder nicht, hegte ich meine Zweifel, ob wir jemals ankommen würden, aber wir gingen das Risiko ein – wir hatten ja auch keine großartige Alternative. Unsere Bedingung war, daß der Fahrer die schnellere Strecke über die Autobahn wählt, da wir nur ca. 6 Stunden in Jakarta zur Verfügung hatten, bis uns der Flieger wieder nach Hause bringt. Die Autobahnstrecke bedeutet, an verschiedenen Stationen eine Art Maut zu zahlen, was den Gewinn des vereinbarten Pauschalpreises für den Fahrer schmälert und weshalb sie dann gerne Landstrasse fahren, doch dafür hatten wir zu wenig Zeit.

Die Autofahrt war eine spektakuläre Reise durch Indonesien, wie sie typischer nicht hätte sein können. Man muß sein deutsches Verständnis von Abstandsregelungen und Verkehrszeichen ablegen und sich einfach entspannen, alles andere hat eh keinen Sinn.
Wenn z. B. ein Mopedfahrer von links aus der Strasse kommt und auch in unsere Richtung möchte, schaut er nicht erst nach rechts, ob jemand kommt, er fährt einfach. Im Prinzip kann er sich ja auch sehr sicher sein, daß dort jemand kommt, denn die Strassen sind dort so extrem voll, daß es niemals eine Lücke geben würde. Vermutlich hat der Mopedfahrer es aber auch einfach nur richtig gemacht, denn würde er auf eine Lücke warten, stünde er noch heute dort. Die Hupe ist das allerwichtigste am Auto! Es weiß zwar niemand mehr, wer warum hupt und wer gemeint ist, aber es ist ein System, dass funktioniert! Zwischendurch klappte ich unseren angefahrenen Beifahrerspiegel wieder an die richtige Stelle, weil er uns kurzerhand fast abgefahren wurde. Darüber regt man sich nicht auf, das ist normal!
Deutsche Kleinlichkeit ist hier fehl am Platz!

Jakarta ist eine Stadt der Widersprüche: alt und neu, superreich und bettelarm, Atem beraubende Architektur und baufällige Holzhütten an verseuchten, schlammigen Flüssen. Eine Stadt, die niemals schläft, in der es die schlimmsten Staus gibt, die ich jemals erlebt habe, und dennoch vibriert sie vor Wärme und Lebendigkeit. Die Fahrt erschien mir sehr lang und ich bezweifelte nachwievor, ob er uns zu unserem Ziel fahren würde, doch irgendwann stand zum ersten Mal "Ragunan" an einem Strassenschild. Tatsächlich, wir waren angekommen! Auch wenn ich diesen Parkplatz noch nie gesehen hatte, stand dort tatsächlich "Ragunan Zoo" geschrieben. Wir versuchten dem Fahrer nochmals zu erklären, daß er hier bitte auf uns warten sollte, um uns nachher wieder zurück zum Flughafen zu bringen. "Ja Ja" war seine Antwort.

Wir zahlten den Eintrittspreis von 50 Cent und standen mitten in einem Park. Es kamen mir zwar die Wegweiser und die Wege bekannt vor, doch irgendwie war es nicht das Primatencenter, zu dem wir wollten. Den "Orang Utan"-Schildern folgend wurde es mir bald klar. Dieser Zoo war so riesig und verfügte über mehrere Eingänge und Parkplätze. Das Primatencenter selbst war ein eigener Zoo im Zoo, für den wir nochmals separat Eintritt zahlen mussten. Dorthin sind wir die Jahre zuvor immer mit dem Auto gefahren, weshalb ich gar nicht merkte, daß es ein Zoo im Zoo war. Am Eingang sollten wir unsere Taschen und Rucksäcke abgeben. Mein Rucksack mit meiner teuren Kameraausrüstung, all unseren Papieren, Flugtickets und Reisepässen? Niemals! Ein ernstes Gespräch folgte und der Wachmann wurde richtig böse... kein gutes Zeichen bei einem Indonesier. Letztlich aber "siegten" wir und nahmen unsere Wertsachen mit hinein.

Es wurde schnell deutlich, daß hier einiges im Argen liegt. Die Anlage war nicht mehr sehr gepflegt, was kaputt war, blieb kaputt. Wir wanderten über das Gorilla-Areal durch den langen Tunnel vorbei an den großen Orang-Gehegen. Unser Blutzuckerspiegel sank wieder drastisch und Dextro-Energen wurde unser bester Freund. An einer Glasscheibe zum Orang-Areal machten wir Rast und wurden von zwei Orangs bestaunt. Sie fanden es sehr spannend, was sich alles in unseren Rucksäcken befand und wir packten einiges aus, um es ihnen zu zeigen, bis es ihnen zu langweilig wurde. Die Zeit verging viel zu schnell und wir mussten uns auf den langen Weg zu unserem Fahrer machen. In der Tat: er wartete noch pflichtbewusst auf uns. Genauso spektakulär wie die Hinfahrt war auch die Rückfahrt, doch wir waren schon zu müde und unser Kreislauf zu weit im Keller, als daß die vielen Adrenalinstöße uns wach gehalten hätten. Am Flughafen angekommen, bekam er ein extra Trinkgeld für seinen hervorragenden Fahrstil von uns. Auch unsere Koffer waren noch da, welch Freude!

Wir reihten uns in die langen Schlangen zum Einchecken des Emirates-Fluges und machten uns ernsthafte Gedanken, was der Schalterbeamte wohl zu unserem vielen Übergepäck sagen würde. Bei Garuda-Airlines kostete uns ein kg Übergepäck schlappe 5 €, Emirates hat da gerne ganz andere Preise – wenn sie denn kein Auge zudrücken. Die Unsicherheit siegte. Den großen Holzbilderrahmen trugen wir eh schon unterm Arm und nun wurden die Koffer ausgepackt und der Inhalt in die Rucksäcke verteilt. Die 80cm langen Holzschnitzereien lugten oben heraus und mit 16 kg – gefühlten 30 kg – pro Rucksack checkten wir problemlos ein. Danach war die Flughafen-Shoppingmall unsere! Die Kreditkarte erfüllte ihren Zweck und in letzter Minute erreichten wir unseren Flieger. Ein komplettes "Hand"-Gepäckfach gehörte uns! Erschöpft ließen wir uns in den Sitz fallen. Erstmalig richtig eingeschlafen, erreichten wir schon Singapur und mussten den Flieger verlassen. Die Frau, die mir hier am Bistro mein erstes Käsebaguette nach so vielen Tagen verkaufte, hätte ich küssen können! Welch ein Genuß für meinen Gaumen!

Wieder im Flieger, kam auch dieser Flug uns unendlich vor. Ich konnte kaum schlafen, hatte ständig den Essensgeruch in der Nase, da wir direkt neben der Küche saßen. Wer Flugzeugessen kennt und dazu noch Vegetarier mit flauem Magen ist, weiß, was ich meine...

In Dubai angekommen fuhren wir vom Flieger ca. Minuten mit dem "Hand"-Gepäck auf dem Rücken im Bus über das gesamte Flughafengelände. Mein gesamter Kreislauf war schon arg in Mitleidenschaft gezogen und die stark verbrauchte Luft im Bus machte es nicht besser...
Nach sehr langer Warterei am Sicherheitscheck konnten wir endlich das Flughafengelände betreten und machten uns auf die Suche nach einem gemütlichen Platz. Die Cafés waren hoffnungslos überfüllt, also setzen wir uns mitten in den Weg an eine Wand. Ich organisierte eine Pizza zum Frühstück – zwar nicht das, was mein Magen früh morgens um 5 Uhr verlangte, aber besser als Pommes, Gyros oder Schokoriegel. Außerdem war eigentlich alles besser als Reis oder weiches Toastbrot. Marions und unser Weg trennte sich hier. Sie flog zurück nach Frankfurt, unser Flieger startete kurze Zeit später nach Düsseldorf.
Zumindest war es so geplant. Über eine Stunde saßen wir zum Start bereit auf dem Rollfeld wegen Überfüllung fest. Auf der einen Seite bei einem Rückflug von insgesamt 41 Stunden auch nicht mehr tragisch, doch so kurz vor dem Ziel – oder zumindest auf dem letzten Flug – dramatisch!

Bei Sturm und sehr schlechten Wetterverhältnissen landeten wir in Düsseldorf und ich stieg mehr als kreideweiß aus dem Flieger. Der Himmel war mit dunkelgrauen Wolken verhangen, alles wirkte unglaublich farblos und leblos, so schrecklich kalt. Doris und ich bahnten uns den Weg durch die endlos sterilen Gänge im Flughafengebäude und fanden schließlich die Gepäckausgabe. Mitten in dieser Menschenmenge fühlte ich mich verlassen und leer. Alle schoben und drängten, um als Erster an das Gepäck zu kommen. Keine bunte Kleidung, keine lächelnden Gesichter, keine fröhlichen Stimmen, nur kaltes Schweigen. Die Zeit schien plötzlich Tempo aufzunehmen, alle waren in Eile wie bei einem Wettlauf. Wütend schob eine Frau ihren Wagen vor meinen und warf mir einen verärgerten Blick zu. Ich bin wieder in Deutschland!

Unsere drei Männer Christian, Boing und mein kleiner vierbeiniger Schatz Rudi erwarteten uns sehnlichst, denn wir trafen mit knapp 2-stündiger Verspätung ein.

Wir fuhren zurück in eine Welt, die mir immer fremder wird. Bei all der Korruption, der Verletzung der Menschenrechte und den ärmlichsten Verhältnissen, haben diese Menschen in Indonesien immer ein Lächeln im Gesicht, sind freundlich, warmherzig und hilfsbereit. Wie viele Menschen kenne ich hier in Deutschland, die mit einer ständigen Leidensmiene herumlaufen, ihr Leben beklagen und eine pessimistische Atmosphäre verbreiten, obwohl sie doch auf sehr sehr hohem Niveau klagen. Noch oft driften meine Gedanken ab in diese andere Welt...

»Wenn wir uns wirklich um die Zukunft sorgen, müssen wir aufhören, es "den anderen" zu überlassen, all die Probleme zu lösen. Wir sind es, die die Welt von morgen retten können: DU und ICH«
– Dr. Jane Goodall –

Ich möchte den Menschen hier berichten, was ich gesehen und erlebt habe. Mit jedem Abschnitt, den ich schreibe, sehe ich die Gesichter, die Orangs und die Pflanzenwelt wieder vor mir. Ich danke allen, die bis hierher gelesen haben und möchte nochmals ins Bewusstsein rufen, daß in diesem Moment alle 2 Sekunden ein Urwald in der Größe eines Fußballfeldes den Kettensägen oder den Flammen zum Opfer gefallen ist.


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